Artikel in der Tiroler Tageszeitung am 22.09.2026 "EWR verteidigen umstrittenes Wasserprojekt - Namlosbach bleibt ökologisch intakt"

Reutte – Das Wasserableitungsprojekt der Elektrizitätswerke Reutte (EWR) am Namlosbach stieß in den vergangenen Monaten auf heftigen Widerstand. Konkret sollen auf Höhe der Zufahrt Fallerschein im Schnitt 50 Prozent des Wassers abgeleitet und über Stollen der Kraftwerkskette Plansee zugeführt werden.

Naturschutzorganisationen und die „Bürgerinitiative Namlosbach“ sehen im geplanten Projekt einen Tabubruch im Natura-2000-Gebiet, zu dem nicht nur der Lech, sondern auch seine Seitenbäche gehören. Die Gegner sehen durch die Wasserentnahme die natürliche Flussdynamik und die Grundwasserbildung, mitunter sogar die Trink- oder Löschwasserversorgung gefährdet.

EWR widerspricht Vorwürfen

Die EWR wehren sich entschieden gegen diese Kritik. „Der Namlosbach ist ein Seitenbach des Lechs. Davon gibt es mehrere, an denen bereits verschiedene Nutzungsarten bestehen“, lässt EWR-Technikvorstand Sebastian Freier wissen. Es werde kein neues Kraftwerk gebaut.

Die Behauptung, dass nicht 50, sondern bis zu 80 Prozent des Wassers abgeleitet werden sollen, weist Georg Hauser, Leiter der Abteilung Erzeugung bei den EWR, zurück: „Das stimmt so nicht. Im Jahresmittel werden es 50 Prozent sein (1). Für die Wassermenge, die im Namlosbach verbleiben muss, gibt es klare Sockelbeträge in der Qualitätszielverordnung (2).‚“

Von Oktober bis März müssen demnach 250 Liter pro Sekunde im Bach verbleiben (3), im April 300 Liter, von Mai bis Juli 600 Liter und im August sowie September 300 Liter. „Wenn also im Juli nur 600 Liter an der Entnahmestelle ankommen, wird kein Wasser entnommen.“

„Auch bei Hochwasser oder Schlagwettern wird kein Wasser abgezogen (4)„, um den Geschiebetransport zu gewährleisten“, erklärt Hauser und fügt mit Blick auf die Dynamik des Lechs hinzu: „Bei Niedrigwasser beeinflussen wir den Lech um 0,96 Prozent (5). In der Kraftwerkskette können wir damit 25 Gigawattstunden Strom produzieren.“

Zustand bleibt unverändert

Auch der biologische Zustand des Namlosbaches werde nicht beeinträchtigt. Hauser: „Wir haben das Gewässer vor Ort untersucht. Der Namlosbach ist im oberen Bereich in einem guten und im unteren Bereich in einem mäßigen Zustand† (6). Daran wird sich nichts ändern. Der Namlosbach bleibt ökologisch intakt. Wir verstoßen nicht gegen das Verschlechterungsverbot (7)‡.“

 

„Die Natura-2000-Verträglichkeitsprüfung ist für uns das zentrale Element.“

Sebastian Freier, EWR-Technikvorstand

 

Freier zeigt sich über die Emotionalisierung des Themas enttäuscht. „Wir waren von Anfang an bemüht, ein Projekt zu konzipieren, das die Natur schützt und der Region energiewirtschaftlich etwas bringt. Die Natura-2000-Verträglichkeitserklärung ist für uns das zentrale Element.“ Die EWR seien immer zum Dialog bereit. Auch die 14 Fragen der Bürgerinitiative seien ausführlich beantwortet worden und all dies werde auch auf der Projekthomepage veröffentlicht. „Wir wollen nichts im Geheimen machen. Aber Dialog setzt immer auch Sachlichkeit voraus (8)ˆ“, fordert Freier.

Derzeit läuft die Vollständigkeitsprüfung des Projekts. Hauser: „Im Optimalfall ist mit einem Baubeginn 2032 zu rechnen.“ (9)ˆ

Faktencheck der Bürgerinitiative:

Zu (1) „50 Prozent“: Tatsächlich sollen jahresdurchgängig 80% der ankommenden Wassermenge abgeleitet werden (siehe EWR Antwort auf unsere Frage 2 "Wieviel Wasser fließt unmittelbar nach der Entnahmestelle im alten Bachbett?"). In Niedrigwasserphasen sollen die im TT-Artikel im nächsten Absatz angeführten Restwassermengen abgegeben werden.

Ergänzend: Die Aussage "im Jahresmittel werden es 50 Prozent sein" ist in diesem Zusammenhang ohne jede Bedeutung, denn diese Aussage würde übersetzt auf den Dorfbach von Weißenbach lauten: "im Jahresmittel fließen 100 Prozent". Trotzdem  ist der Weißenbach 3/4 des Tages vollkommen trocken wie jeder vor Ort täglich feststellen kann. 

Zu (2) Restwasser: Die Qualitätszielverordnung schreibt - zur Sanierung von bereits durch Kraftwerke verbauter Bäche und Flüsse - vor, dass der historische natürliche Niederstwert nicht unterschritten werden darf. Das wären 350 Liter/Sekunde in Stanzach und nicht 250 Liter/Sekunde sieben Kilometer weiter oben.

Zu (3) Restwasser: Derzeit fließen von Oktober bis März durch Stanzach durchschnittlich 1.500 Liter/Sekunde! Nach Umsetzung des EWR-Projektes würden vom Oktober bis März an rund zwei Drittel aller Tage nur die Restwassermenge von 250 Liter/Sekunde im Bachbett bleiben. In Jahren mit wenig Niederschlag sogar an ca. 90% aller Tage. Siehe Grafik unter Projekt.

Ergänzend: Die Wassermengen, die nach der Ableitung wieder von kleinen Seitenbächen dazu kommen, haben wohl nicht im Geringsten die Kapazität, hier ausgleichend zu wirken. Das sieht man am jämmerlichen Zustand des Rotlech sehr gut, wo das Wasser aus den unterhalb zufließenden Bächen nur ein kleines Rinnsal ergibt, das es an den meisten Tagen nicht einmal mehr bis zur Lechmündung schafft, sondern das am Schluchtausgang im Schotter versickert!

Zu (4) „kein Wasser abgezogen“: Gemeint ist wohl, dass im Ableitungsstollen „nur“ 3.600 Liter/Sekunde Platz haben. Kommt mehr Wasser, fließt dies im Bachbett weiter. Dieser Effekt käme pro Jahr ca. 5mal - 40mal vor. Scheinbar hätte der Ableitungsstollen somit nur einen geringen Hochwasserschutzeffekt. Sofern größere natürliche Hochwasserereignisse ausbleiben, sieht das EWR zwischen April und August fünf anthropogen initiierte Hochwasserereignisse vor (das bedeutet, die Wasserfassung wird außer Betrieb genommen).

Zu (5) „0,96%“: Der Lech führt von Okt.-März durchschnittlich 24 m3/sec an Wasser, das ist die typische jährliche Niedrigwasserphase. Der Namlosbach führt im selben Zeitraum durchschnittlich 1,5 m3/sec. an Wasser. Wenn in Stanzach nur noch ca. 20% des Namlosbaches dem Lech zufließen, fehlen dem Lech durchschnittlich ca. 1,2 m3/sec. Das sind nicht 0,96% sondern 5%! (Quelle: Hydro Tirol, Messstellen Stanzach und Lechaschau 2018-2022).

Zu (6) und (7) - sehr guter Zustand und Verschlechterungsverbot: Die EWR AG will den sehr guten IST-Zustand im Oberlauf offensichtlich auf "gut" abwerten und hofft über diesen Winkelzug aus der Schlinge des "Verschlechterungsverbots" zu schlüpfen. 

Zu (8): Das sehen wir gleich. Sachlichkeit setzt aber auch Transparenz ohne Schönfärberei voraus. Warum stellt uns die EWR AG eigentlich nicht die Projekt-Einreichunterlagen zur Verfügung, wenn sie nichts im Geheimen machen wollen?

Zu (9) Restwasserabgabe Rotlech, Liegfeistbach und Archbach: In den letzten Wochen wiederholt das EWR gebetsmühlenartig, dass sie "freiwillig" Dotierwasser abgeben wollen. In EWR-Sprech klingt das so: "Die im Rahmen des Projekts vorgesehenen Dotierungen sind vorausschauend geplante Maßnahmen zur ökologischen Verbesserung der bestehenden Kraftwerkskette."

Tatsache ist: Die Verordnung NGP 2021 schreibt in Umsertzung der EU-Wasserrahmen-Richtlinie vor, dass die EWR AG am Liegfeistbach, Rotlech und Archbach bereits seit Mai 2025 Restwasser abgeben müsste. 

Richtig ist, dass der entsprechende Bescheid bislang noch nicht erlassen wurde. Insidern zufolge ist dies auf die Verzögerungstaktik der EWR AG zurückzuführen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird der EWR AG der Restwasser-Bescheid jedoch weit vor dem geplanten Kraftwerks-Baubeginn zugestellt. In der Praxis bedeutet dies, dass die EWR AG zu keinem Zeitpunkt beabsichtigte freiwillig Restwasser abzugeben. Die Erfahrungen der letzten 50 Jahre am Rotlech zeigen dies eindrücklich.


Hier geht's zur Pressemitteilung des WWF vom 23.09.2026: WWF kritisiert irreführende Aussagen der E-Werke-Reutte

Weitere Meldungen

Am 19.10.2026 berichten die Tiroler Tageszeitung und MeinBezirk über unsere Initiative

Welle des Widerstandes

Die große Mehrheit der Stanzacher will, dass ihr Bach unangetastet bleibt

Von Helmut Mittermayr - Tiroler Tageszeitung

Montag, 19.10.2026

Toni Knittel, Sprecher der Bürgerinitiative Namlosbach, jubelt: 75 Prozent der Wahlberechtigten in Stanzach haben bei einer Unterschriftensammlung gegen das Projekt der Reuttener E-Werke unterschrieben.

 

In den vergangenen Tagen sind Stanzacher Mitglieder der Bürgerinitiative Namlosbach von Haus zu Haus gegangen. Ihre Argumente gegen die Wasserableitungspläne der Elektrizitätswerke Reutte (EWR) scheinen gegriffen zu haben. Gleich drei Viertel, genau 75 Prozent der Wahlberechtigten StanzacherInnen, haben gegen das eingereichte Projekt unterschrieben.

 

Mehrfachnutzen versus Natura 2000

Geht es nach den EWR, könnte ab 2032 die Hälfte des Wassers des Namlosbachs über einen neuen Stollen Richtung Liegfeist/Rotlech und weiter zum Heiterwanger See/Plansee fließen. Und über eine Kraftwerkskette mehrfach genutzt werden. Die EWR glauben das Projekt trotz der Natura-2000-Unterschutzstellung aller Lechtalseitenbäche verwirklichen zu können.

Der Tourismus muss Farbe bekennen. Den Lech dauernd zu vermarkten, aber hier zu schweigen, ist feig.
Bluatschink Toni Knittel

Genau das will die Bürgerinitiative mit allen Mitteln verhindern. Sie zeigt sich von der breiten Unterstützung überwältigt und sieht darin ein deutliches Signal für den Erhalt des Namlosbaches in seiner natürlichen Form. „Wir lassen uns unser Wasser nicht abgraben. Der Namlosbach gehört zur Seele unseres Dorfes und muss als freier Wildbach für zukünftige Generationen erhalten bleiben“, betont die Initiative.

Die 300 Unterzeichner aus Stanzach wollen das Idyll zwischen Stanzach und Namlos retten.
© BI Namlosbach

Das „Gesicht“ der EWR-Gegner, Bluatschink Toni Knittel, kann sowie nicht verstehen, wie es die EWR überhaupt wagen konnten, über den Namlosbach nachzudenken: „Er ist ein direkter Zubringer zum Lech und durch Natura 2000 damit vollkommen geschützt.“ Für ihn ist die Ablehnung durch gleich 300 StanzacherInnen „die eigentliche Sensation“. Vor 30 Jahren wollten beim ähnlich gelagerten Streimbachprojekt (auch im Lechtal) noch die allermeisten nicht als Projektgegner öffentlich wahrgenommen werden wollen. Jetzt sei alles anders.

Von Touristikern enttäuscht

Der Bluatschink ist enttäuscht vom Lechtal Tourismus. „In der Werbung wird der Lech total vermarktet. Aber wenn es ums Eingemachte geht, kommt gar nichts.“ Die Touristiker müssten Farbe bekennen, fordert er. Den Fluss als „letzten Wilden“ immer nur zu vermarkten, und „jetzt zu schweigen, ist feig“.

Besonders kritisch beurteilt die Bürgerinitiative die möglichen Auswirkungen des geplanten Vorhabens auf die Wasserführung des Namlosbaches. Nach ihrer Interpretation der bisherigen Informationen der EWR könnte der Bach im Winterhalbjahr nach Umsetzung des Projekts häufig nur noch rund ein Viertel seiner bisherigen Wassermenge führen.

Bürgerinitiative will alle Daten

Um die tatsächlichen Auswirkungen des Projekts beurteilen zu können, fordert die Bürgerinitiative die E-Werke Reutte auf, sämtliche relevanten Daten und Berechnungsgrundlagen transparent offenzulegen. Insbesondere verweist sie auf ihrer Homepage auf nicht öffentliche Messdaten, die nach ihrer Einschätzung wesentlich dazu beitragen könnten, das Ausmaß der geplanten Wasserableitung zu beurteilen.

 

Informationsveranstaltung im November

Um die Bevölkerung umfassend über das Ableitungsprojekt zu informieren, plant die Bürgerinitiative im November eine öffentliche Informationsveranstaltung. Aus Sicht der Initiative fehlerhafte Annahmen, wie etwa die Restwassermenge, sollen auch Thema werden.

 

Der Widerstand wächst

Am 11.9. meldete sich nun auch der Tiroler Alpenverein mit einer klar ablehnenden Haltung zu Wort und unterstützt unsere Petition. 

Somit wächst der Widerstand weiter an. Folgende Institutionen und Personen stellen sich klar gegen die geplante Ableitung des Namlosbaches:

  • WET Wildwasser erhalten Tirol 
  • WWF Österreich
  • Tiroler Umweltanwaltschaft
  • Tiroler Alpenverein

Unter den öffentlich sichtbaren Unterzeichnern unserer Petition befinden sich mehrere Personen aus Wasserbau, Fließgewässerforschung, Fischökologie, alpiner Botanik und Biodiversitätsforschung.

  • DDI Dr. Kurt Pinter - Hydrobiologie und Gewässermanagement BOKU Wien
  • DI Dr. Beatrice Wagner – Fließgewässer/Wasserbau/Wasserkraft, Abschluss an der BOKU Wien
  • Univ.-Prof. Peter Schönswetter – alpine Biodiversität/Botanik/Naturschutz UIBK
  • Dr. Nikolaus Medgyesy – Fischbiologie/Gewässerökologie UIBK i.R.
  • Dr. Claude Hansen - Limnologe, Abschluss Uni Innsbruck
  • Ass.-Prof. Dr. Konrad Pagitz - Flora/Vegetation/Biodiversität UIBK
  • Dr. Božo Frajman – Botanik / Biodiversitätsforschung UIBK

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Großes mediales Interesse

Zahlreiche Medien berichteten über unsere Pressekonferenz und unseren Widerstand.

Bundesweit: orf.at

Landesweit: ORF via Tirol heute, Radio und Online. Tiroler Tageszeitung,  Kronen Zeitung

Regional: Blickpunkt, Rundschau und reeins TV

Allgäu: Allgäuer Zeitung

Weitere Berichte folgten, z.B. gab der Landesumweltanwalt am 01.09.2026 via ORF Tirol ein klares Statement zur Ablehnung des Projektes am Namlosbach ab. Am 11.9.2026 folgte der Tiroler Alpenverein mit einer nicht minder deutlichen Ablehnung des EWR Vorhabens.

 

Pressekonferenz 31.08.2026

Nach der Gründung der Initiative im August 2026 setzen wir mit einer hochkarätig besetzten Pressekonferenz den ersten öffentlichen Impuls. Unsere Redner lehnen die geplante Ableitung des Namlosbaches ab und begründen warum:

  • Toni Innauer | Olympiasieger & Buchautor | Flussbotschafter des WWF
  • Toni Knittel alias Bluatschink | Liedermacher | Österreichischer Naturschutzpreis
  • Dr. Reinhard Uhrig | Klima- und Energieexperte WWF Österreich | Vorstandsmitglied Naturpark Tiroler Lech

Der Lech ist „Fluss des Jahres 2026

Ein starkes Zeichen für den Schutz unserer letzten naturnahen Flusslandschaften.

Wir freuen uns über eine besondere Auszeichnung für Tirol: Der Lech wurde vom WWF zum „Fluss des Jahres 2026“ gewählt. In der erstmals durchgeführten österreichweiten Online-Abstimmung setzte sich der Lech gegen die nominierten Flüsse aus den anderen Bundesländern durch. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die Schwarze Sulm aus der Steiermark und der Kamp aus Niederösterreich.

Der Lech trat gemeinsam mit seinem Zubringer, dem Namlosbach, zur Wahl an. Der WWF wollte damit auf das geplante Ableitungsprojekt aufmerksam machen. 

Für den WWF ist die Auszeichnung ein klares Signal: Die letzten naturnahen Flusslandschaften Österreichs müssen langfristig geschützt werden. WWF-Geschäftsführerin Andrea Johanides fordert daher von der Tiroler Landesregierung eine öffentliche Schutzgarantie für den Lech.

Auch die weiteren nominierten Flüsse – von der Donau in Wien über Lafnitz, Lavant, Meng, Vöckla und Saalach bis zum Kamp – stehen stellvertretend für wertvolle Lebensräume, die es zu bewahren gilt. Eine Fachjury hatte die Flüsse zuvor anhand ihres ökologischen Zustands, ihrer Artenvielfalt, ihrer Gefährdung und ihres konkreten Schutzbedarfs ausgewählt.

Der Schutz unserer Flüsse ist mehr als Naturschutz: Intakte Flusslandschaften sind unverzichtbare Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten und leisten gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zum Schutz vor Trockenheit und Hochwasser.

Der Titel „Fluss des Jahres 2026“ ist deshalb vor allem eines: ein Auftrag, den Lech und seine Zubringer auch für kommende Generationen zu bewahren.